Erhöhte Absicherung von Merger- Integrationen durch Repertory Grid

Präzise, systematische, transparente und greifbare Beratung bei der Entwicklung von Unternehmen in veränderten Märkten. 

Artikel M&A Review, 27. Jahrgang, 09/2016 

Konrad Gorcks, Human Fit Executive Search, Mannheim & Claus Welles, Welles & Welles GmbH & Co. KG Personal- & Strategieberatung, München

1. Einleitung

Angesichts der Tatsache, dass die Mehrheit der Merger nicht zu steigenden, sondern zu fallenden Unternehmenswerten führt, ist es notwendig, mehr Wissen über die Ursachen zu erlangen. Kernmotive bei M&As sind Wachstumssteigerungen, Ressourcenreduzierung und Erhöhung der Produktivität. Ziel ist somit die Generierung maximaler Synergien. Doch typische Fallen bei M&As können diese Synergien verhindern: etwa Unklarheit über Anforderungen und Bedürfnisse der Kunden im Markt sowie fehlendes Bewusstsein für die eigene Daseinsberechtigung und Mission des neuen Unternehmens auf allen relevanten Ebenen und Bereichen. Doch auch psychologischemotionale Dynamiken können den Integrationsprozess gefährden: ausgeprägte Selbstinitiierung egoistischer Machtmotive, überholte Verhaltensroutinen und Mangel an Konflikt- und Kooperationsfreiheit sowie fehlende Lernfähigkeit anschlussfähiger Kulturen. Auch werden subversive Prozesse oft nur inkonsequent um- gesetzt. Daraus ergeben sich Anforderungen an Post- Merger-Integrationen (PMI), die sich jenseits der ratio- nalen Bewusstseinsebene abspielen.

Das differentiell-psychologische Diagnoseverfahren Role Construct Repertory Grid, kurz Repertory Grid, kann hier helfen. Durch die ergebnisoffene Analyse werden Meinungen, Überzeugungen, Einstellungen und Ideen auf rationaler und emotionaler Ebene sicht- bar gemacht. Darüber hinaus ermöglicht die Methode, dass auch sublimes Wissen zur idealen Lösungsfindung eingebracht wird, um bislang ungenutztes vorhandenes Potenzial zu aktivieren. Bei der Umsetzung der Ergeb- nisse werden somit die Befürchtungen vor Veränderungsprozessen abgebaut und eine logische und emo- tionale Akzeptanz erreicht. Durch den Aufbau eines Zukunftsbildes mit den Worten und dem Wissen aller Beteiligten ist die Zielidentität des Unternehmens klar und für alle nachvollziehbar. Zusätzlich werden mit dem Verfahren Wechselwirkungen im gesamten System zu Kunden, Lieferanten und Wettbewerbern analysiert.

Das mit der Systemanalyse offengelegte Wissen um die kulturellen Muster, Besonderheiten und Zielsetzungen schafft Klarheit über die vorhandenen Konflikte und deren Lösungsmöglichkeiten. Das Verständnis für die rationale und emotionale Substanz einer Organisation erlaubt es, diese zu operationalisieren. Mit dieser greifbaren und messbaren Wahrnehmung lassen sich relevante Themen gezielt und souverän umsetzen. Die Grundvoraussetzung dafür ist ein kognitives Verständnis und eine emotionale Akzeptanz, um sich kritisch in den Kernfragen zu reflektieren.

In Anlehnung an die „positive Psychologie“ von Martin Seligmann ist das Ziel von idealen Unternehmen, deren authentische Eigenentwicklung zu stärken. Grundlage hierfür ist, dass positive Emotionen spürbar werden, man sich gemeinsam für lohnende und vereinbarte Ziele engagiert, Verbundenheit zu anderen Menschen erfahrbar macht sowie Sinn im Tun und Handeln vermittelt, um allen zu zeigen, dass man etwas Wichtiges bewegen kann. Im Folgenden werden Methodik, Datenauswertung sowie -validierung der Repertory-Grid-Analyse erläutert. Anschließend wird die Anwendung der Methode bei einem PMI-Projekt anhand eines Fallbeispiels aufgezeigt.

2. Methode

2.1. Methodenprovider

Die Repertory-Grid-Technik ermöglicht, was nur wenige andere Verfahren zu leisten imstande sind, nämlich die systematische Erfassung eines Repertoires von sub- jektiven Vorstellungen über bestimmte Sachverhalte und deren interindividuellen Vergleich. Damit ist das Verfahren universell einsetzbar, wenn es um die Diagnostik subjektiver Wirklichkeitsvorstellungen von Expertengruppen geht (z.B. Einzel- und Teamcoaching, Produktentwicklung, Innovationsmanagement, Personaldiagnostik, Marktforschung, System- und Unternehmenskulturanalyse u.v.m.). Das bestehende Mindset des Unternehmens wird in allen Bereichen reflektiert und gezielt weiterentwickelt. Die Gesamtergebnisse drücken die gemeinsame Erlebniswelt aus, was die Ursache für alle Verhaltensweisen und Handlungen ist.1

2.2. Methodengrundlage: Tiefeninterviews mit Experten

Grundlage der Repertory-Grid-Analyse sind strukturiert geführte Tiefeninterviews, die quantitativ per Algorithmus ausgewertet werden. Ziel ist, mit diesen alle Wünsche, Motive, Beweggründe, Hoffnungen und Ideen der Befragten zu erfassen. Durch das Tiefeninterview wird die befragte Person zu verfügbaren tieferen bzw. impliziten Bewusstseinsinhalten geführt, die ihr Handeln und Denken leiten, ohne dass es ihr möglich wäre, diese zu artikulieren. Diese Orientierung am Befragten ist zwingend notwendig, um Vertrauen und Praxisnähe zu erzeugen. Das frei geführte, nicht-direk- tive Interview wird flexibel anhand eines offenen Leitfadens mit vorab definierten Kriterien durchgeführt und passt sich dem subjektiven Erleben des Befragten an. Ein Kriterium (z.B. ein Ideales Unternehmen) lässt das Beschreiben in jeglicher charakterisierenden Form zu.

Der Interviewer ist nicht an bestimmte Fragen und der Respondent ist nicht an vorgegebene Antwortschemata gebunden. Dadurch kann zum einen der Befragte die inhaltlichen Schwerpunkte selbst setzen, zum anderen kann der Interviewer auch solche Themen eingehend verfolgen, die erst im Gesprächsverlauf auftauchen. Die Vorgabe des Interviews konzentriert sich auf das Jetzt und die ideale Situation in Zukunft.

Mit Hilfe projektiver oder assoziativer Fragetechniken bekommt der Interviewer Zugang auch zu schwer verbalisierbaren und nicht unmittelbar bewussten Ein- stellungen und Bedürfnissen des Befragten und kann diese gemeinsam mit ihm reflektieren. Die Ergebnisse werden mit einer offenen Methodik und mit der eigenen Semantik formuliert, anschließend bewertet und inhaltsanalytisch ausgewertet und interpretiert. Jede Person denkt und bewertet für sich und gibt seine tiefste Überzeugung preis. Die Identifikation der Mitarbeiter mit den von allen erstellten Lösungsmöglichkeiten wird dadurch maximiert.

1 Zum wissenschaftlichen Methodenhintergrund vgl. Rosenberger: Vademecum rep:grid. Band 1: Legitimation, Theorie, Methologie und Methodik. BoD, Norderstedt, 2015.

 

2.3. Planung und Durchführung von Repertory Grids

Zu Beginn jeder Repertory-Grid-Anwendung steht der Wunsch, etwas zu erfahren oder etwas in Frage zu stellen, was zu einer Weiterentwicklung führen soll. Genutzt werden hierzu die Fähigkeiten und die Intuition von Experten aus den konkreten Arbeitsbereichen. Die sorgfältig ausgewählten Kriterien und Fragenelemente werden so definiert, dass auf ihrer Grundlage eine möglichst weitreichende und ebenso tiefgründige Aufklärung eines bestimmten Sachverhaltes stattfinden kann.

3. Data Mining – relevantes Wissen schürfen

3.1. Durchführung eines Tiefeninterviews

Der Aufwand für die Durchführung ist mit ca. 1,0 bis 1,5 Stunden pro Person und Grid zu kalkulieren. Die Ergebnisse stehen zeitgleich mit dem Abschluss der Befragung sofort zur Verfügung.

3.2. Datenerhebung – Klarheit in drei Zügen

Die Interviewschritte sind denkbar einfach:
• Vergleichen und Assoziieren – Darlegung der eigenen Sichtweise („Was hat Element A mit Element B gemeinsam oder wodurch unterscheiden sie sich?“)

• Bezeichnen und Begründen – Konstruieren von Zusammenhängen, eigene charakterisierende Aussage des Experten

• Bewerten und Klassifizieren – Anregung, die Meinung klar zu benennen, Einordnung im Tetralemma- Feld 

4. Datenanalyse und Visualisierung in 4 D

4.1. Datenanalyseverfahren

Datenanalyseverfahren werden bei absoluter mathematischer Neutralität immer schneller und effizienter. Dies führt zu einer deutlichen Erhöhung der Produktivität und der Qualität von Beratung. Manipulationen, Verzerrungen und Interpretationsfehler von Menschen werden somit auf ein Minimum reduziert. Mit Repertory Grid ist es somit möglich, Kulturen, Wahrnehmungen und Emotionen zu messen und zu vergleichen.

4.2. Auswertungsalgorithmen

Jedes durchgeführte Interview baut eine Matrix auf, die den individuellen Beurteilungsraum beschreibt. Das ausgefüllte Grid kann auf verschiedene Weise sowohl inhaltsanalytisch als auch mit deskriptiven und statis- tischen Verfahren ausgewertet werden.

(1) Clusteranalyse

Ziel der Clusteranalyse ist es, Elemente oder Konstrukte hinsichtlich ihrer Ähnlichkeit zu identifizieren. Diese werden separat zu Gruppen zusammengestellt. Distanzen zwischen den Elementen und/oder Konstrukten und den Clustern dienen dann dem iterativen Aufbau der verschiedenen Ähnlichkeitsgruppierungen. Prinzipiell geht es bei der Auswertung eines Grids um die Erfassung von Zusammenhängen und wechselseitigen Beziehungen zwischen Elementen und Konstrukten zueinander als auch untereinander.

(2) Hauptkomponentenanalyse

Ziel einer Hauptkomponentenanalyse ist es, die Zahl der im Repertory Grid angegebenen Konstrukte auf möglichst wenige unabhängige Komponenten zu reduzieren und gleichzeitig maximale Varianzaufklärung zu erreichen.

(3) Faktorenanalyse – Prioritäten im System

Die einzelnen Konstrukte werden im Raum an unter- schiedlichen Stellen verortet. Die Faktorenanalyse bildet das intelligente Herzstück der Methode. Je nach persönlicher Beschreibung erhalten die Konstrukte eine Ladung, sprich eine Zugkraft. Diese Zugkraft der Konstrukte drückt die persönliche und auch die kollektive Priorität von Einzelaussagen im Gesamtergebnisraum aus. In der Auswertung nutzen wir dies, um die innere Dominanz der mentalen Logik des Systems zu erkennen. Für die Auswertung stehen hier noch weitaus mehr Werkzeuge zur Verfügung.

5. Ergebnisvalidierung und Predictive Analytics

5.1. Datablending und Validierung

Die Validierung der Ergebnisse findet über Datablending statt. Unter Datablending wird die Verschmelzung von Daten aus den Einzelbefragungen definiert. So- mit erhält man einen Überblick über das gesamte System.

Die allgemeinen Clusterthemen der unterschiedlichen Ansichten (z.B. Kunde vs. Mitarbeiter) können verglichen werden. Somit wird erkennbar, welche Dilemmata, Konflikte und Trends vorhanden sind. Die jeweiligen Ideale einer Gruppe geben entscheidende Informationen darüber, ob man gleiche strategische Ziele und Werte oder Gegensätzliches verfolgt.

6. Fallbeispiel: Innovative Post Merger Integration durch Repertory Grid

6.1. Situationsanalyse – Auftragsklärung

Der Geschäftsführer einer marktführenden Unternehmensgruppe aus dem Fachgroßhandel (1,5 Mrd. EUR Umsatz, 2.100 Mitarbeiter) wollte drei Monate nach seiner Berufung einen professionellen Überblick über das Unternehmen bekommen. Besonders interessierte er sich für die Insights der Integration eines ehemaligen Wettbewerbers 15 Monate zuvor. Die Umsatz- und Ertragsentwicklung im Gesamtunternehmen war rückläufig. Es fehlte die gewünschte Klarheit im Füh- rungsteam für die richtigen Entscheidungen des neu entstandenen Unternehmens zur Verteidigung und Stärkung der Marktposition in schrumpfenden Märkten bei neuen Spielregeln.

In Frage gestellt wurden strategische Themen zur Produktausrichtung, zur Wettbewerbsüberlegenheit, zur Attraktivität als Arbeitgebermarke, zum struktu- rellen Aufbau der Organisation und zur Digitalisierung, aber auch operative Themen zum Führungsstil und zur Prozess- und Kostenoptimierung. Es gab keine erkennbare Identität und Strategie, die operationalisiert werden konnte.

Die sehr emotional geladenen Fragen zur aktuellen Lage wurden folgendermaßen formuliert: „Warum kaufen Kunden auch in der Zukunft bei uns?“, „Was brauchen unsere Kunden jetzt und in der Zukunft?“, „Was sind unsere Alleinstellungsmerkmale?“. Durch die gewachsene Komplexität zwischen dem Fachgroßhandel und seinen Kunden war die Zusammenarbeit und Leistungserbringung neu zu definieren. Um die IST-Situation zu erfassen, plante das Unternehmen eine klassische Befragung mit einem vorgegebenen Fragenkatalog durchzuführen. Die Nachteile einer geschlossenen Befragung durch die isolierte Erfassung einzelner Gruppen hätte zur Folge gehabt, dass Innovationen, wechselseitige Abhängigkeiten, Wirkweisen und Transaktionsprobleme nicht erfasst werden können. 

6.2. Intervention der Beratung

Um umfänglich und in aller Tiefe die Beziehung zwischen den einzelnen Beteiligten im Netzwerk zu erfassen und den „institutionsübergreifenden blinden Fleck“2 der Organisation zu beleuchten, bot es sich an, eine kombinierte Befragung mit ergebnisoffenen Tiefeninterviews durchzuführen. Das neue, herausgearbeitete Ziel war es, mit einer umfassenden Systemanalyse (Führungs-, Mitarbeiter, Kunden- und Geschäftspartnerbefragung) Klarheit über die Strategie mit allen Innovationspotenzialen zu gewinnen.

Die Kombination einer qualitativen Erhebung mit einer quantitativen Auswertung ermöglicht es, Einzelwahrnehmungen von Experten aus dem Unternehmen und dem Umfeld zusammenzuführen und professionell auszuwerten. Meinungen und Überzeugungen werden sichtbar gemacht, was wiederum Markt-, Marken-, Persönlichkeits-, System- oder Verhaltensanalysen ermöglicht.

2 Scharmer: Theorie U – Von der Zukunft her führen. Carl Auer, Heidelberg, 2015.

Der praktische Teil der Umsetzung ist eine Frage guter Methodik, um Transparenz zum eigenen Selbstverständnis und zu den Kundenbedürfnissen zu erhalten. Die Beteiligten waren davon überzeugt, dass das Repertory-Grid-Verfahren hier bei größter Effizienz die beste inhaltliche Qualität bietet.

6.3. Entwicklungen mit einer klaren Perspektive initiieren

Der Ansatz bindet die befragten Experten über ein virtuelles Netzwerk ein. Mit einer dialogischen Kommunikationsmethode wird nicht nur die heutige Situation beschrieben, sondern auch die Zukunft, wie sie sich jeder vorstellt. Es ist hier sinnvoll, von der Zukunft, vom Kunden und vom Ideal her zu denken. Im Projekt wurden dem idealen Unternehmen folgenden Aussagen zugesprochen:

• Achtung und Wertschätzung der unterschiedlichen Arbeiten

• Hohe Eigenverantwortung mit effizienter Kontrolle

• Großes Vertrauen in das eigene Können und die Leistung anderer

• Verkaufsunterstützung durch digitale Technologien

Den ganzen Artikel mit der Beschreibung der Unternehmensintegration mit allen Ergebnissen können Sie als PDF hier herunterladen. Für weitere Informationen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.